Im Herbst 2024 hat die Berliner GovTech Group ein kleines, gut positioniertes Berliner Health-Start-up vollständig übernommen: YEARS, gegründet 2021 von Dr. med. Jan K. Hennigs und zwei Mitgründern, mit Klinikeröffnung im Oktober 2024 in der Joachimsthaler Straße 34 in Berlin-Charlottenburg. Was auf den ersten Blick wie eine weitere Wellness-nahe Longevity-Adresse aussieht, ist bei näherer Prüfung das ungewöhnlichste Angebot im Berliner Segment — und das aus einem einzigen Grund: YEARS ist derzeit die einzige DACH-Longevity-Klinik, die alle drei Programmpreise inklusive Leistungsumfang, Dauer und Biomarker-Zahl offen auf ihrer Website ausweist.
Ein Hinweis vorweg: Für dieses Portrait haben wir YEARS nicht besucht. Die Einordnung beruht auf der Firmenwebsite years.co, der Berichterstattung von StartingUp und Business Insider, dem öffentlichen Fachprofil von Dr. Hennigs am UKE Hamburg, seinem Personenprofil beim Premium Medical Circle, Handelsregister-Angaben und der wissenschaftlichen Literatur zu Ganzkörper-MRT, Liquid Biopsy und epigenetischen Uhren. Wo wir Anbieteraussagen wiedergeben, ist das gekennzeichnet.
Wer ist YEARS und wer ist Dr. Hennigs?
YEARS ist 2021 in Berlin gegründet worden. Neben Dr. Jan Hennigs sind Jan Lukas Schmitz und Dr. med. Christian Schlatzer als Co-Gründer dokumentiert; Frühinvestor war Apollo Health Ventures, danach beteiligte sich der PUBLIC GovTech Fund. Im Herbst 2024 folgte die vollständige Übernahme durch die GovTech Group, eine Berliner Beteiligungsgesellschaft mit Fokus auf digitaler Infrastruktur und Gesundheit. Die operative Klinik in der Joachimsthaler Straße öffnete im Oktober 2024. Handelsregister-technisch wurde der Sitz der YEARS GmbH zwischenzeitlich nach München (Landwehrstr. 70A) verlegt, Geschäftsführung Dr. Schlatzer — die Klinik selbst operiert weiter in Berlin.
Der medizinische Kopf ist Dr. med. Jan K. Hennigs, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie. Sein akademischer Werdegang ist für ein deutsches Longevity-Angebot ungewöhnlich substantiell: Studium Hamburg, danach vier Jahre am Stanford Cardiovascular Institute und Wall Center for Pulmonary Vascular Disease (2012–2016), gefördert durch DFG-Forschungsstipendium und Fellowship der American Heart Association. Zurück in Hamburg baute er als Oberarzt am UKE die Pneumologie-Abteilung mit auf, gründete eine Forschungsgruppe zu vaskulären Erkrankungen und leitete ab Mai 2020 eine der ersten deutschen Post-COVID-Sprechstunden. Nach eigener Angabe über 120 Publikationen, unter anderem in Science Advances, Cell Metabolism und Circulation. Das ist deutlich mehr Publikationstiefe, als bei den meisten deutschen Longevity-Klinikleitern öffentlich dokumentiert ist. Die ärztliche Kernbesetzung umfasst neben Hennigs fünf weitere Fachärzte, darunter ein Kardiologe und ein Facharzt für Altersmedizin.
Wichtiger Punkt für die Einordnung: Hennigs' akademische Kompetenzachse ist pulmonalvaskuläre und kardiovaskuläre Medizin — nicht Geroscience, nicht Molekularbiologie des Alterns. Für einen Longevity-Klinikleiter im deutschen Markt trotzdem ein deutlich stärkerer Ausgangspunkt als bei vielen Wellness-getriebenen Angeboten.
Das 3-Stufen-Modell im Detail
YEARS bietet nach Anbieterangaben drei standardisierte One-Day-Programme.
Core (1.900 €, 6 Stunden, 89 Biomarker): Grunddiagnostik inklusive Bluttests, Ergospirometrie (VO2max), Ultraschall innerer Organe, EKG, arterielle Steifigkeit, ABI, Bodyplethysmographie, plus Arztgespräch zur Ergebnisbesprechung. Kein MRT, kein Liquid Biopsy.
Evolve (7.600 €, 9 Stunden, 120 Biomarker, ein Follow-up-Check-in): Core-Umfang plus Ganzkörper-MRT (3-Tesla, proprietäres Protokoll), erweiterte Genetik, Mikrobiom-Analyse, KI-gestütztes Hautscreening und Funduskopie.
Ultimate (16.900 €, 9 Stunden, 230 Biomarker, drei Follow-up-Check-ins): Evolve-Umfang plus Liquid Biopsy (Multi-Cancer Early Detection, laut Anbieter 70+ Tumorarten), sieben epigenetische Uhren (u. a. GrimAgeV2, DunedinPACE, Horvath), Whole-Genome Sequencing und Biobanking der Proben.
Die Abrechnung erfolgt nach GOÄ. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt nichts. Die private Krankenversicherung erstattet höchstens die medizinisch indizierte Einzelleistung — für ein Longevity-Screening bei asymptomatischen Personen typischerweise nichts. Die 16.900 € Ultimate sind praktisch voll aus versteuertem Einkommen zu tragen und in aller Regel nicht als außergewöhnliche Belastung absetzbar.
Was YEARS auszeichnet: Diese Preise stehen so, mit Leistungsumfang und Dauer, auf der Website. Im DACH-Longevity-Klinik-Segment ist das die Ausnahme. Selbst der personell und wissenschaftlich vergleichbar aufgestellte Longevity Health Club Heidelberg, der Longevity Center Vienna und die meisten deutschen Präventions-Kliniken kommunizieren Preise nur auf Anfrage.
Kern-Diagnostik im Faktencheck
Der methodische Kern des Angebots — Bluttests, Ergospirometrie, kardiovaskuläre Diagnostik, Körperkomposition — ist evidenzbasiert und geht deutlich über den deutschen Kassen-Check-up 35 hinaus. Kritisch werden drei der Premium-Bausteine.
Ganzkörper-MRT bei Asymptomatischen ist die deutsche Präventivmedizin-Grauzone schlechthin. Das systematische Review von Kwee & Kwee im Journal of Magnetic Resonance Imaging 2019 (12 Studien, 5.373 asymptomatische Personen) findet Zufallsbefunde in bis zu 32 % der Untersuchungen — die meisten davon indeterminiert, ein erheblicher Teil führt zu Folgeuntersuchungen, Biopsien und psychischer Belastung ohne belegten Mortalitätsvorteil. Der G-BA hat keine Empfehlung, die DEGAM rät explizit ab, das Deutsche Ärzteblatt hat die Debatte 2024 als „Möglichkeiten und Grenzen" strukturiert. Das ist nicht YEARS-spezifisch, aber bei einem Programm-Baustein, der ab dem Evolve-Tier standardmäßig durchgeführt wird, gehört Overdiagnosis-Aufklärung in jede vorherige Einwilligung.
Liquid Biopsy als Multi-Cancer Early Detection ist regulatorisch noch enger. Weder GRAILs Galleri noch andere MCEDs sind in den USA FDA-zugelassen, in Deutschland ebenfalls kein zugelassenes Screening. GRAILs PATHFINDER-2-Ergebnisse von 2025 zeigen eine mehr als siebenfache Detection-Rate-Erhöhung, wenn Galleri zusätzlich zu USPSTF-A/B-Screenings eingesetzt wird — Detektion ist aber nicht Mortalitätsreduktion. Die ASCO-Educational-Publikation 2025 empfiehlt für MCEDs ausdrücklich Shared Decision Making und additiven Einsatz, keinen Ersatz zugelassener Screenings. Bei YEARS Ultimate ist Liquid Biopsy Standard-Bestandteil des Programms; dass die Klientel darüber aufgeklärt wird, ist zu vermuten — dass diese Aufklärung dem ASCO-Standard folgt, wäre der Prüfpunkt.
Sieben epigenetische Uhren sind kein wissenschaftlicher Mehrwert gegenüber einer, sondern ein Marketing-Argument. Reliabilitäts-Analysen 2025 finden für die kommerziell verfügbaren Uhren GrimAgeV2 und DunedinPACE zwar technische Reproduzierbarkeit, aber biologische Instabilität auf Individualebene — die intra-individuelle Streuung bei Wiederholungsmessungen liegt teils in der Größenordnung des behaupteten „Alterungseffekts" einzelner Interventionen. Peter Attia selbst rät auf peterattiamd.com davon ab, epigenetischen Alterungsuhren derzeit klinisches Vertrauen zu schenken. YEARS' „Clinic-as-a-Study"-Ansatz mit longitudinaler Nachverfolgung könnte hier tatsächlich Erkenntnis produzieren — vorausgesetzt, das Register wird publiziert.
Wo YEARS im DACH-Markt steht
Im Berliner Vergleich ist YEARS näher an einer Diagnostik-Klinik als am Members Club. AIVA Berlin kombiniert Prävention mit Aesthetics, HBOT und NAD+-Infusionen (Einstieg ab 249 €), Concept Club Berlin und U — The Longevity Club arbeiten mit Monatsmitgliedschaften und permanenter Fläche. AYUN Zürich und das Longevity Center Vienna sind vom Konzept her die direktesten Peers: One-Day- bis Mehrtages-Diagnostik-Kliniken mit ärztlicher Leitung. Alle diese Häuser kommunizieren Preise weniger transparent. Longevity Center Nürnberg (Dr. Thomas Voit) ist medizinisch am nächsten positioniert („kein Lifestyle-Konzept"), arbeitet aber mit Masterprogramm-Logik über drei, sechs oder zwölf Monate — nicht als One-Day-Diagnostik.
YEARS' Alleinstellungsmerkmal ist die Kombination aus preistransparentem Katalog, standardisiertem Workflow und einem medizinischen Leiter mit dokumentierter akademischer Publikationstiefe. Das ist keine Longevity-Medizin, die die deutsche Präventionsleitlinie neu erfindet — es ist die klarste, offenste Version dessen, was der Markt derzeit hergibt.
Für wen — und für wen nicht
Sinnvoll erwägbar für privat versicherte Personen zwischen 40 und 65 Jahren mit erhöhter kardiovaskulärer, pulmonaler oder familiärer onkologischer Risikokonstellation, die eine strukturierte Präventionsanamnese außerhalb des Kassen-Check-ups suchen und die Overdiagnosis-Debatte informiert mittragen können. Das Core-Programm für 1.900 € ist ein defensiver Einstieg — es enthält keine bildgebende Modalität mit signifikantem Zufallsbefund-Risiko.
Nicht geeignet für: Personen, die einen Ersatz für kassenärztliche Vorsorge suchen; für gesetzlich Versicherte mit Erstattungserwartung; für Menschen mit ausgeprägter Gesundheitsangst (Ganzkörper-MRT und Liquid Biopsy erzeugen dort verlässlich Folgekaskaden); für unter 35-Jährige ohne spezifische familiäre Belastung; für Personen, die Longevity als Anti-Aging-Versprechen im engeren Sinn verstehen — dieses Versprechen wird die Diagnostik nicht einlösen.
Redaktionelle Einordnung
YEARS ist der ehrlichste Preistransparenz-Fall im DACH-Longevity-Segment und wird von einem der wenigen deutschen Longevity-Klinikleiter mit ernstem akademischen Track Record geführt. Das ist kein kleines Kompliment in einem Markt, dessen strukturelles Problem Bischof et al. (Aging 2024) präzise beschrieben haben: Longevity-Kliniken positionieren sich bewusst außerhalb der medizinischen Regulierung, um Grauzonen zu nutzen. YEARS steht in dieser Zone, wie alle vergleichbaren Angebote — aber transparenter als die meisten.
Zugleich bleibt die inhaltliche Kernfrage unbeantwortet: Ganzkörper-MRT und Liquid Biopsy bei asymptomatischen Personen haben in der aktuellen Evidenzlage keinen Mortalitätsvorteil belegt, dafür belegte Overdiagnosis-Risiken. Ein Longevity-Programm, dessen Premium-Baustein Ultimate für 16.900 € genau diese beiden Modalitäten in den Mittelpunkt stellt, ist damit kein Präventions-, sondern ein Diagnostik-Erlebnisprodukt. Es kann sinnvoll sein — aber die Beweislast für den Nutzen liegt beim Anbieter, nicht bei der Klientel.
Drei Testkriterien, an denen sich YEARS auf mittlere Sicht messen lassen kann: Erstens die Publikation von Registerdaten aus dem „Clinic-as-a-Study"-Ansatz — das würde die Longitudinalitäts-Behauptung einlösen. Zweitens die Einführung eines standardisierten schriftlichen Overdiagnosis-Konsents bei Ganzkörper-MRT und Liquid Biopsy nach ASCO-Vorlage. Drittens die transparente Kommunikation, welche externen wissenschaftlichen Beiratsmitglieder die medizinische Governance nach der GovTech-Übernahme verantworten. Alle drei sind machbar. Wenn YEARS sie geht, hebt sich die Klinik in dem entscheidenden Punkt vom Wettbewerb ab, in dem die Preistransparenz allein sie nicht heben kann: von der Frage, ob Longevity-Medizin in Deutschland mehr sein kann als bezahlte Selbstbeobachtung.
Quellen
- AnbieterYEARS — Präventivmedizin Berlin (Website)(Firmen-Selbstauskunft: Preise, Programme, Ärzteteam, Diagnostik-Umfang)
- AnbieterYEARS vs. AIVA — Longevity-Kliniken Berlin im Vergleich · YEARS(Anbieter-eigener Marktvergleich, kritisch zu lesen)
- NewsYEARS: Berliner Health-Start-up eröffnet Longevity-Klinik · StartingUp(Gründungsstory, Co-Gründer, Apollo Health Ventures als Frühinvestor)
- PresseDr. Jan K. Hennigs — Profil (Premium Medical Circle)(Akademischer Werdegang Stanford / UKE, 120+ Publikationen)
- PresseArztprofil Dr. Jan K. Hennigs — UKE Hamburg · Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
- ReviewKwee & Kwee (2019) Incidental findings on whole-body MRI in asymptomatic subjects: a systematic review · Journal of Magnetic Resonance Imaging(12 Studien, 5.373 Personen, bis zu 32 % Zufallsbefunde)
- NewsMöglichkeiten und Grenzen der Ganzkörper-MRT · Deutsches Ärzteblatt
- Review(2025) Multicancer Early Detection Tests at a Crossroads: Commercial Availability Ahead of Definitive Evidence · ASCO Educational Book(Keine MCED-Zulassung durch FDA, keine Mortalitätsdaten, Shared Decision Making empfohlen)
- Presse(2025) GRAIL PATHFINDER 2 — Detection-Rate-Ergebnisse Galleri MCED · GRAIL(Herstellerkommunikation zu Detektionsraten, nicht zu Mortalitätsreduktion)
- ReviewBischof et al. (2024) Longevity Clinics: Regulatory Grey Zones and Ethical Challenges · Aging
- News(2024) Longevity: Langes Leben auf Kosten der Gesundheit · Deutsches Ärzteblatt
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