In einer Longevity-Klinik in Frankfurt hängt ein Infusionsbeutel am Ständer. Klare Flüssigkeit, ein Coenzym, 60 bis 120 Minuten Sitzungsdauer, Preisschild zwischen 250 und 550 Euro. Die Klientin unterschreibt einen Aufklärungsbogen für einen Wirkstoff, den das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte im Mai 2026 ausdrücklich als in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen eingeordnet hat. Dieselbe Szene, andere Substanz: eine wöchentliche Rapamycin-Tablette, verordnet off-label. Das Versprechen ist groß; die Zulassungslage schmal. Dieser Text ordnet den tatsächlichen Evidenzstand der drei prominentesten Longevity-Wirkstoffe ein — auf Basis der publizierten randomisierten Studien und der behördlichen Position in Deutschland, nicht auf Basis der Marktkommunikation.
Ein Blick auf den Beipackzettel, den es nicht gibt
Die Preisspanne dokumentiert der Markt selbst. The Longevity Club in Berlin listet 125 mg NAD+ für 250 Euro, 250 mg für 490 Euro. Das Ulmer CAELISTIC startet bei 550 Euro pro Sitzung, angesetzt sind typischerweise drei bis fünf Sitzungen zum Einstieg. Für keinen dieser Ansätze existiert in Deutschland eine arzneimittelrechtliche Zulassung als Longevity-Präparat.
Am 12. Mai 2026 veröffentlichte das BfArM Pressemitteilung 04/26. Der Text warnt vor Infusionslösungen mit hochdosierten Vitaminen, Mineralstoffen und weiteren Substanzen — nach Angaben des Instituts sind diese in Deutschland „nicht als Arzneimittel zugelassen", und deren „Qualität und Sicherheit im Sinne des Arzneimittelgesetzes" sind nicht belegt. Als Risiken nennt die Behörde Hypervitaminosen, Elektrolyt- und Säure-Basen-Störungen, anaphylaktische Reaktionen, Paravasate und Luftembolien. Der Text nennt NAD+ nicht namentlich; die Marktpraxis der Longevity-Kliniken fällt aber unter die allgemeine Formulierung.
Rapamycin (Sirolimus, Handelsname Rapamune) ist in Deutschland seit 2001 EMA-zugelassen — ausschließlich zur Prophylaxe der Organabstoßung nach Nierentransplantation und für sporadische Lymphangioleiomyomatose. Metformin ist als Erstlinientherapie bei Typ-2-Diabetes zugelassen. Jede Verordnung dieser beiden Substanzen im Longevity-Kontext ist Off-Label — mit voller ärztlicher Haftung, erweiterten Aufklärungspflichten nach § 630e BGB und ohne Kostenübernahme durch GKV oder PKV.
Was diese drei Wirkstoffe eigentlich sind
Rapamycin ist ein mTORC1-Inhibitor. Der Wirkstoff wurde ursprünglich als Immunsuppressivum nach Nierentransplantation entwickelt und ist als Rapamune seit 2001 in der EU zugelassen. Die Longevity-Hypothese stützt sich auf präklinische Daten aus dem NIA Interventions Testing Program, in dem Rapamycin bei genetisch heterogenen Mäusen — auch bei später Verabreichung — die Lebensspanne signifikant verlängerte (Harrison et al., Nature 2009; Miller et al., Aging Cell 2014). Der Übertrag auf den Menschen ist das offene Problem.
Metformin gehört zur Wirkstoffgruppe der Biguanide. In Deutschland ist es zugelassen für die Therapie des Typ-2-Diabetes; die Anwendung bei Prädiabetes und PCOS erfolgt off-label. Für PCOS empfiehlt die S2k-Leitlinie AWMF 089-004 (August 2025) den Wirkstoff explizit — klassifiziert ihn aber als Off-Label-Use. Die Longevity-Hypothese ruht bislang überwiegend auf Beobachtungsdaten und einer präklinischen Rationale (AMPK-Aktivierung, mTOR-Modulation).
NAD+ ist ein Coenzym, das in jeder Zelle für den Energiestoffwechsel benötigt wird. Die zellulären NAD+-Spiegel sinken mit dem Alter — die Longevity-Hypothese lautet, dass eine Anhebung des NAD+-Pools zelluläre Alterungsprozesse verlangsamen könnte. Als orale Vorstufen werden Nicotinamid-Ribosid (NR) und Nicotinamid-Mononukleotid (NMN) angeboten. NR ist in der EU seit 2020 (Durchführungsverordnung EU 2020/16) als Novel Food bis 300 mg pro Tag zugelassen. NMN ist bis Redaktionsschluss in der EU nicht generell als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen; im Mai 2026 gab die EFSA für ein produktspezifisches NMN (Uthever, EffePharm) eine positive Sicherheitsbewertung bis 300 mg pro Tag ab — die formale Zulassung durch die EU-Kommission steht aus.
Rapamycin: Was der PEARL-Trial wirklich gezeigt hat
Der PEARL-Trial (Moel et al., Aging 2025) ist der bislang größte dedizierte Longevity-RCT zu Rapamycin: 48 Wochen, dezentrales Design, 114 Completer, wöchentliches Dosierschema mit 5 mg oder 10 mg gegen Placebo, primärer Endpunkt viszerales Fett per DXA-Messung.
Der primäre Endpunkt wurde verfehlt. Die publizierte Effektstärke liegt bei einem partiellen Eta-Quadrat von 0,001 mit p = 0,942 — statistisch nicht unterscheidbar von null. Positive Signale zeigten sich in Sekundärendpunkten (Lean Tissue Mass, selbstberichteter Schmerz), aber ausschließlich in einer post-hoc definierten Subgruppe: Frauen im 10-mg-Arm, n=8 (die Frauen-Verteilung war: Placebo 15, 5 mg 17, 10 mg 8). Diese Signale sind methodisch hypothesen-generierend, nicht bestätigend. Bei Männern fanden sich keine signifikanten Effekte.
In die Einordnung gehört die Immunfunktions-Linie: Mannick et al. zeigten 2014 in Science Translational Medicine bei 218 Über-65-Jährigen unter dem verwandten mTOR-Inhibitor Everolimus (RAD001) eine circa 20-prozentige Verbesserung der Impfantwort. Die 2018er Nachfolgestudie (Mannick et al., Sci Transl Med) fand eine Reduktion selbstberichteter Infektionen. Die als Bestätigung angelegte Phase-3-Studie PROTECTOR-1 mit RTB101 (N = 1024) verfehlte 2019 ihren primären Endpunkt (Odds Ratio 1,07; p = 0,65). Das Unternehmen resTORbio stellte die Entwicklung ein — ein Datenpunkt, der in der öffentlichen Debatte selten benannt wird.
Im Mai 2026 publizierte die neuseeländische Arbeitsgruppe um Stanfield im Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle den ersten kombinierten Rapamycin-plus-Exercise-Trial (RAPA-EX-01, N = 40, 13 Wochen). Der Sirolimus-Arm zeigte im 30-Sekunden-Chair-Stand-Test tendenziell schlechtere Ergebnisse, im 6-Minuten-Gehtest und in der Griffkraft numerisch schlechter, und häufigere unerwünschte Ereignisse (99 versus 63). Für eine Zielgruppe, für die Krafterhalt zentral zum Healthspan gehört, ist das ein bemerkenswertes Signal — allerdings bei kleiner Stichprobe. Peter Attia kommentierte die Studie als „nowhere near ready to close the book"; sie deute an, was ein größerer Trial klären müsse.
Metformin: TAME stockt seit fünf Jahren — MASTERS und MET-PREVENT zeigen die Wende
Der TAME-Trial (Targeting Aging with Metformin, initiiert von Nir Barzilai und der American Federation for Aging Research) ist seit über einem Jahrzehnt als die entscheidende Beweisstudie für Metformin als Geroprotektor angekündigt. Design: 3.000 Teilnehmer, 65 bis 79 Jahre, sechs Jahre Follow-up, Kompositendpunkt aus kardiovaskulären Ereignissen, Krebs, kognitivem Verfall und Tod. Das geschätzte Budget liegt zwischen 45 und 70 Millionen US-Dollar; der NIA-Zuschuss beträgt bislang nur rund 5 Millionen US-Dollar, weil Metformin als Generikum keinen pharmaindustriellen Sponsor findet. Stand Anfang 2026 ist die Studie auf ClinicalTrials.gov nicht als „recruiting" gelistet. Ergebnisse sind — sollte die Finanzierung 2026 geschlossen werden — frühestens 2027 bis 2028 realistisch.
Was hingegen publiziert vorliegt, deutet in die entgegengesetzte Richtung. Der MASTERS-Trial (Walton et al., Aging Cell 2019) untersuchte an 94 Über-65-Jährigen den Effekt eines 14-wöchigen supervidierten Krafttrainings unter Metformin 1.700 mg pro Tag versus Placebo. Die trainingsinduzierte Zunahme der Lean Body Mass fiel unter Placebo bei +1,95 Prozent aus, unter Metformin bei +0,41 Prozent (p für den Gruppenunterschied = 0,003). Bei der CT-gemessenen Oberschenkelmuskelmasse zeigten sich +3,90 Prozent unter Placebo gegenüber +0,45 Prozent unter Metformin (p < 0,001). Metformin dämpfte damit die Trainingsadaptation um etwa 80 bis 90 Prozent.
Die im März 2025 in Lancet Healthy Longevity publizierte Studie MET-PREVENT prüfte an 72 Über-65-Jährigen mit Sarkopenie den Effekt von 3 × 500 mg Metformin über vier Monate. Der primäre Endpunkt — die 4-Meter-Gehgeschwindigkeit — verbesserte sich unter Metformin nicht (adjustierte Differenz 0,001 m/s; p = 0,96). Zudem berichteten die Autoren eine schlechtere Verträglichkeit und mehr Krankenhausaufnahmen im Verumarm.
Eine kritische Übersicht (Keys, Hallas, Miller, Suissa und Christensen, Ageing Research Reviews 2025, PMID 40582648) weist auf die methodische Schwäche der positiven Beobachtungsdaten hin. Der oft zitierte Bannister-Befund (Diabetes, Obesity and Metabolism 2014) eines Mortalitätsvorteils von Metformin gegenüber Never-Diabetics vergleicht metabolisch behandelte Patienten mit einer Kontrollgruppe, die überproportional kardiovaskulär Vorerkrankte enthält — ein klassischer Selection Bias. Eine dänische Kohortenstudie 2022 konnte den Mortalitätsvorteil nicht replizieren; Metformin-Nutzer zeigten dort sogar eine höhere Sterblichkeit als Never-Diabetics.
Peter Attia hat Metformin spätestens 2018 persönlich reduziert bzw. abgesetzt und klassifiziert es in seiner Longevity-Sprache als „fuzzy" (im Kontrast zu Rapamycin, das er als „promising" einordnet). Als Begründung nennt er die MASTERS-Daten sowie einen bei ihm selbst erhöhten Ruhe-Laktatspiegel. Im deutschsprachigen Raum spricht Nina Ruge öffentlich davon, niedrig dosiertes Metformin selbst einzunehmen — als, in ihren Worten, noch nicht validiertes „repurposed drug" und ausdrücklich als eigene Entscheidung, nicht als Empfehlung. Kein deutschsprachiges Fachpapier empfiehlt den Wirkstoff für die Longevity-Indikation.
NAD+, NMN, NR: Meta-Analysen 2024/25 finden keine klinisch relevanten Effekte
Zwei orale-NMN-Meta-Analysen aus dem Jahr 2024 fassen den Stand für Nicht-Diabetiker und metabolisch unauffällige Erwachsene zusammen. Chen et al. (Current Diabetes Reports, 2024) analysierten acht RCTs mit 342 Teilnehmern, Dosisspanne 250 bis 2000 mg pro Tag, Behandlungsdauer zwei bis zwölf Wochen. Ergebnis: Die Blut-NAD+-Spiegel stiegen signifikant, aber es fand sich, so die Autoren, „no significant benefit" auf Nüchternglukose, HbA1c, Insulin, HOMA-IR oder Lipidprofil. Song et al. (Critical Reviews in Food Science and Nutrition, 2024) kamen in einer Meta-Analyse von zwölf Studien (n = 513) zum vergleichbaren Resultat.
Für die Zielgruppe der Über-60-Jährigen liegt seit April 2025 eine Meta-Analyse von Prokopidis et al. im Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle vor. Sie fasst zehn RCTs zu NMN und NR zusammen. Studien deuten in ihrer Zusammenschau darauf hin, dass die Supplementation weder den Skeletal Muscle Index (MD −0,42; p = 0,14) noch die Handgrip-Kraft (MD 0,61 links, 0,45 rechts; beide n.s.) noch die Gehgeschwindigkeit (MD −0,01 m/s; p = 0,79) noch den 5-Times-Chair-Stand-Test (MD −0,21; p = 0,41) verbessert. Das Autorenfazit lautet: „Current evidence does not support NMN and NR supplementation for preserving muscle mass and function in adults with mean age of over 60 years."
Für IV-NAD+ existiert bis Redaktionsschluss keine peer-reviewed Outcome-RCT bei Gesunden zur Lebensverlängerung. Publiziert ist eine Pilotstudie aus dem Jahr 2024, die eine einmalige Gabe an Gesunden untersucht und als medRxiv-Preprint zirkuliert — nicht peer-reviewed und ohne Langzeit-Endpunkte. Die Autoren dieser Pilotstudie fordern selbst „longer term, appropriately powered randomized placebo-controlled trials".
Die deutsche Verbraucherzentrale weist zudem darauf hin, dass Aussagen, der zusätzliche Konsum von NADH löse einen Energieschub aus, nicht stimmen — die Substanz werde nach dem Schlucken verdaut und nicht als NADH aufgenommen. Der Krebsinformationsdienst des DKFZ ergänzt einen Sicherheitshinweis: NAD und verwandte Substanzen seien auch für Krebszellen wichtig; eine zusätzliche Zufuhr könne theoretisch das Wachstum von Tumoren begünstigen.
Zum wissenschaftspolitischen Kontext gehört, dass David Sinclair im März 2024 als Präsident der Academy for Health and Lifespan Research zurücktreten musste. Matt Kaeberlein (University of Washington) hatte die Presse-Behauptung des Sinclair-nahen Unternehmens Animal Bioscience, ein Präparat habe bei Hunden „reverse aging" bewirkt, öffentlich als „a lie" bezeichnet. Nir Barzilai stützte die Kritik in STAT News mit den Worten, die Daten trügen die Behauptung nicht. Sinclairs Sirtuin- und Resveratrol-Hypothese ist bereits mit dem Aus des Resveratrol-Derivats SRT501 (Sirtris/GSK, 2010) empirisch schwer geschwächt worden.
Rechtlicher Rahmen in Deutschland: Off-Label, Verbringung, Werbung
Die drei Substanzgruppen bewegen sich in Deutschland auf drei unterschiedlichen regulatorischen Ebenen.
Off-Label-Verordnung. Rapamune ist in Deutschland zugelassen, aber nur für Nierentransplantation und sporadische Lymphangioleiomyomatose; alles andere ist off-label. Metformin ist für Typ-2-Diabetes zugelassen; Prädiabetes, PCOS und Longevity sind off-label. Die ärztliche Aufklärungspflicht ist bei Off-Label-Anwendung nach § 630e BGB erweitert: Der behandelnde Arzt muss den Zulassungsstatus, die eingeschränkte Datenlage und die spezifischen Risiken schriftlich transparent machen und zusätzlich nach § 630c Abs. 3 BGB wirtschaftlich aufklären — insbesondere dass GKV und PKV die Kosten typischerweise nicht übernehmen. Das BSG-Grundsatzurteil vom 19. März 2002 (B 1 KR 37/00 R, Sandoglobulin) verlangt für eine Erstattungsfähigkeit kumulativ eine schwerwiegende Erkrankung, das Fehlen einer Alternative und eine Datenlage auf Phase-III-Niveau. Präventive Longevity-Anwendung bei metabolisch Gesunden erfüllt keines dieser Kriterien.
Novel Food und Verbringung. NMN ist in der EU unter Verordnung 2015/2283 als Novel Food derzeit nicht generell zugelassen; ein Verkauf als Nahrungsergänzungsmittel ist damit unzulässig. Anbieter deklarieren häufig als „Laborchemikalie" oder „Research Use Only" — eine rechtliche Grauzone ohne Verbraucherschutz. Das positive EFSA-Gutachten vom Mai 2026 bezieht sich produktspezifisch auf Uthever-NMN bis 300 mg pro Tag; die formale Zulassung durch die EU-Kommission steht aus. Für die Einfuhr aus Drittstaaten gilt § 73 AMG: Die Reisebedarf-Ausnahme (§ 73 Abs. 2 Nr. 6a AMG) erlaubt bei persönlicher Einreise maximal einen 3-Monats-Bedarf; eine Bestellung per Versandhandel ohne Einreise ist ein Verstoß gegen § 73 Abs. 1 AMG.
Heilmittelwerbegesetz (HWG). Das Irreführungsverbot (§ 3), das Publikumswerbeverbot für ärztliche Empfehlungen und Testimonials (§ 11) sowie das krankheitsbezogene Werbeverbot (§ 12) begrenzen, was Longevity-Anbieter im Publikumsbereich behaupten dürfen. Konkrete Heilaussagen wie „Rapamycin verlängert Ihr Leben" oder Vorher-/Nachher-Bilder bei ästhetisch konnotierten Longevity-Behandlungen sind unzulässig. Werbung in Bezug auf die in der Anlage zu § 12 HWG genannten Krankheiten (u.a. maligne Neubildungen) ist im Publikumsbereich generell verboten.
BfArM-Position 2026. Die BfArM-Pressemitteilung 04/26 vom 12. Mai 2026 ist derzeit die klarste behördliche Positionierung zum kommerziellen Longevity-Infusionsmarkt. Sie stellt für Infusionslösungen mit hochdosierten Vitaminen, Mineralstoffen und weiteren Substanzen fest, dass Qualität und Sicherheit im Sinne des Arzneimittelgesetzes nicht belegt seien, und listet die konkreten Applikationsrisiken auf.
Ein Muster wird an dieser Stelle erkennbar, das im deutschsprachigen Diskurs bislang selten so ausgesprochen wird: Die drei prominentesten Longevity-Wirkstoffe teilen einen Verlauf. Jeder von ihnen hat in den letzten drei Jahren eine dedizierte klinische Prüfung durchlaufen — PEARL für Rapamycin, MASTERS und MET-PREVENT für Metformin bei Nicht-Diabetikern, die NMN- und NR-Meta-Analysen für orale Vorstufen — und ist an seinem eigenen primären Endpunkt gescheitert. Parallel wächst der Markt der Verordnungs- und Infusionsangebote, für die keine dieser Studien eine Zulassung begründet. Die Asymmetrie zwischen wachsender Nachfrage und schrumpfender Evidenzbasis ist der eigentliche Befund der Jahre 2024 bis 2026 — nicht der einzelne Wirkstoff.
Was das für Longevity-Klienten praktisch heißt: drei Prüffragen
Wer eine Verordnung oder Infusion in einer DACH-Longevity-Klinik erwägt, kann drei Fragen stellen, die aus den geltenden Aufklärungspflichten und der publizierten Studienlage direkt folgen.
Frage 1 — Zulassung. Ist der vorgeschlagene Wirkstoff für die konkret vorgesehene Indikation in Deutschland zugelassen — oder handelt es sich um Off-Label-Verordnung beziehungsweise eine Novel-Food-Grauzone? Der schriftliche Aufklärungsbogen muss dies nach § 630e BGB explizit ausweisen, ebenso die fehlende Erstattung nach § 630c Abs. 3 BGB. Ein pauschales „das ist Longevity-Medizin" ist keine ausreichende Aufklärung.
Frage 2 — Evidenzstand. Auf welche humanen randomisierten Studien — nicht Tierstudien, nicht Beobachtungsdaten — beruft sich die Empfehlung? Bei Rapamycin: PEARL hat den primären Endpunkt verfehlt, RAPA-EX-01 zeigt tendenziell schlechtere Trainingsantworten. Bei Metformin für Nicht-Diabetiker: MASTERS und MET-PREVENT sind negativ, TAME steht seit fünf Jahren still. Bei IV-NAD+: es existiert keine ausreichend gepowerte Outcome-RCT. Bei oralem NMN/NR über 60: Prokopidis 2025 findet keine klinisch relevanten Effekte.
Frage 3 — Monitoring. Welche Baseline- und Verlaufsdiagnostik ist vorgesehen? Für Rapamycin gehören dazu nach der EMA-Fachinformation Lipide, Nüchternglukose, komplettes Blutbild und je nach Dosierung Talspiegelbestimmungen; die Warnungen der Zulassung — nicht-infektiöse Pneumonitis, opportunistische Infektionen — bleiben klassenspezifisch. Für Metformin verlangen die MHRA-Update vom Juni 2022 und die EMA-Fachinformation die jährliche Bestimmung des Vitamin-B12-Spiegels ab vier Jahren Anwendung sowie eine eGFR-Kontrolle (Kontraindikation < 30 ml/min). Für NAD+-IV-Anwendungen bedeutet die BfArM-Warnung 04/26, dass eine dokumentierte medizinische Indikation und ein Notfall-Setting Voraussetzung sind.
Deutschsprachige Fachstimmen empfehlen den primären Fokus auf Lebensstilinterventionen. Andreas Michalsen (Charité) hält das „Molekül-Paradigma" für einen wiederkehrenden medizinischen Irrtum und verweist auf Fasten, Bewegung und Ernährung. Ursula Müller-Werdan (DGIM) fasste die Position der Fachgesellschaft auf der Jahres-Pressekonferenz im März 2025 zusammen: „Wissenschaftliche Belege existieren noch nicht." Alena Buyx (TU München) beschreibt in ihren Interviews den Longevity-Boom als PR-getriebenen „Schweinezyklus" und warnt vor einer Selbstoptimierung, deren Substanzqualität die Anwender selbst nicht überprüfen könnten. Kein offizielles Positionspapier von DGIM, DEGAM, DDG oder Bundesärztekammer empfiehlt Rapamycin, Metformin, NAD+ oder NMN off-label für Longevity.
Häufige Fragen
Ist Rapamycin in Deutschland für Longevity zugelassen? Nein. Sirolimus (Rapamune) ist in Deutschland seit 2001 EMA-zugelassen ausschließlich zur Prophylaxe der Organabstoßung nach Nierentransplantation und für sporadische Lymphangioleiomyomatose. Jede Anwendung im Longevity-Kontext ist off-label mit voller ärztlicher Haftung und ohne Kostenübernahme durch GKV oder PKV.
Was hat der PEARL-Trial gezeigt? Der PEARL-Trial (Moel et al., Aging 2025) — der bislang größte dedizierte Longevity-RCT zu Rapamycin — verfehlte seinen primären Endpunkt (Reduktion viszeralen Fetts) mit p = 0,942 klar. Positive Signale in Sekundärendpunkten (Muskelmasse, Schmerz) fanden sich nur bei Frauen im 10-mg-Arm (n=8) und gelten als hypothesen-generierend, nicht als Wirknachweis.
Kann Metformin bei gesunden Menschen die Lebenserwartung verlängern? Nach aktueller RCT-Evidenz ist das nicht belegt. Der MASTERS-Trial (2019) zeigte eine deutliche Dämpfung der trainingsinduzierten Muskelmassen-Zunahme unter Metformin bei Über-65-Jährigen. MET-PREVENT (2025) fand keinen Effekt auf die Gehgeschwindigkeit bei sarkopenen Älteren. Die entscheidende Beweisstudie TAME ist seit über fünf Jahren noch nicht gestartet.
Sind NMN-Kapseln in Deutschland erlaubt? NMN ist in der EU als Novel Food nicht generell zugelassen; ein Verkauf als Nahrungsergänzung ist damit unzulässig. Anbieter deklarieren häufig als „Laborchemikalie" oder „Research Use Only" — eine rechtliche Grauzone. Im Mai 2026 gab die EFSA für Uthever-NMN eine positive Sicherheitsbewertung ab; die formale Zulassung durch die EU-Kommission steht aus und wäre produktspezifisch.
Warum warnt das BfArM vor NAD+-Infusionen? In der Pressemitteilung 04/2026 vom 12. Mai 2026 stellte das BfArM klar, dass Infusionslösungen mit hochdosierten Vitaminen, Mineralstoffen und weiteren Substanzen in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen sind und deren Qualität und Sicherheit im Sinne des AMG nicht belegt sind. Als konkrete Risiken werden unter anderem Hypervitaminosen, Elektrolytentgleisungen, anaphylaktische Reaktionen, Paravasate und Luftembolien genannt.
Was sagen die deutschen Fachgesellschaften zu Longevity-Wirkstoffen? Kein offizielles Positionspapier von DGIM, DEGAM, DDG oder Bundesärztekammer empfiehlt Rapamycin, Metformin, NAD+ oder NMN off-label für Longevity. Die DGIM-Vertreterin Ursula Müller-Werdan hielt auf der Jahres-Pressekonferenz im März 2025 fest, für pharmakologische Longevity-Ansätze existierten „wissenschaftliche Belege" noch nicht.
Übernimmt die Krankenkasse Off-Label-Verordnungen für Longevity? Nein. Das BSG-Grundsatzurteil vom 19. März 2002 (B 1 KR 37/00 R) verlangt für eine Off-Label-Erstattung kumulativ eine schwerwiegende Erkrankung, das Fehlen einer Alternative und Phase-III-analoge Evidenz. Longevity als präventive Anwendung bei Gesunden erfüllt keines dieser Kriterien. Private Krankenversicherer lehnen rein präventive Longevity-Interventionen typischerweise ebenfalls ab.
Quellen
- StudieMoel et al. (2025) Influence of rapamycin on safety and healthspan metrics after one year: PEARL trial results · Aging (Albany NY)(Primärer Endpunkt viszerales Fett verfehlt (p=0,942))
- StudieStanfield et al. (2026) Exercise and Weekly Sirolimus in Older Adults: RAPA-EX-01 · Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle
- StudieMannick et al. (2014) mTOR inhibition improves immune function in the elderly · Science Translational Medicine
- StudieWalton et al. (2019) Metformin blunts muscle hypertrophy in response to progressive resistance exercise training in older adults (MASTERS) · Aging Cell
- Studie(2025) MET-PREVENT: Metformin bei Sarkopenie · Lancet Healthy Longevity(PMID 40147475; kein Effekt auf Gehgeschwindigkeit)
- ReviewKeys, Hallas, Miller, Suissa, Christensen (2025) Emerging uncertainty on the anti-aging potential of metformin · Ageing Research Reviews
- ReviewProkopidis et al. (2025) Effects of NMN and NR on muscle mass and function in older adults · Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle(PMID 40275690; 10 RCTs; Fazit: no support)
- ReviewChen et al. (2024) Effects of NMN on metabolic parameters: a systematic review and meta-analysis · Current Diabetes Reports
- ReviewSong et al. (2024) NMN cardiometabolic markers systematic review · Critical Reviews in Food Science and Nutrition
- Leitlinie(2026) BfArM warnt vor Longevity-Infusionen (PM 04/26) · BfArM(PM vom 12.05.2026; Qualität/Sicherheit nach AMG nicht belegt)
- LeitlinieRapamune (Sirolimus) EMA-Fachinformation · EMA(Zulassung 2001; Nierentransplantation + S-LAM)
- PresseTAME-Trial (Targeting Aging with Metformin) · American Federation for Aging Research
- PressePeter Attia zu Metformin und Exercise · peterattiamd.com(Attias eigene Aussage zu Dosisreduktion, „fuzzy"-Klassifikation)
- News(2024) David Sinclair Rücktritt Academy for Health & Lifespan Research (STAT News) · STAT News
- Leitlinie(2020) Durchführungsverordnung EU 2020/16 (NR als Novel Food) · EU-Amtsblatt
- Leitlinie(2026) EFSA-Sicherheitsbewertung Uthever-NMN · EFSA(Positiver Bescheid Mai 2026, formale EU-Zulassung ausstehend)
- Leitlinie(2025) AWMF S2k-Leitlinie PCOS 089-004 · AWMF(Metformin für PCOS als Off-Label-Use)
- News(2025) DGIM Jahres-Pressekonferenz 2025: Longevity · Deutsches Ärzteblatt / DGIM(Ursula Müller-Werdan: „wissenschaftliche Belege existieren noch nicht")
- PresseProf. Andreas Michalsen — Positionierung zu Longevity-Wirkstoffen · Immanuel Krankenhaus / Charité
- NewsVerbraucherzentrale zu NAD und NMN in Nahrungsergänzungsmitteln · Verbraucherzentrale(Warnung vor „Energieschub"-Marketing)
- Leitlinie§ 73 AMG (Verbringungsbeschränkung) · Bundesministerium der Justiz
- LeitlinieHeilmittelwerbegesetz §§ 3, 11, 12 · Bundesministerium der Justiz
Teilen









